Portrait
Der Komponist Arvo Pärt wird 90. Als er im Rheingau Musik Festival 2005 Composer in residence war, sang der Knabenchor eines der Portrait-Konzerte. Pärt zeigte sich damals tief beeindruckt von der Interpretation seiner Musik.
Mit dem am 11. September 1935 im estnischen Paide geborenen Arvo Pärt feiert in diesem Jahr einer der wichtigsten Schöpfer spiritueller und geistlicher Musik der Gegenwart seinen 90. Geburtstag. Vor 20 Jahren widmete ihm das Rheingau Musik Festival ein Komponistenportrait mit Künstlergespräch sowie Konzerte mit dem BR-Kammerorchester, Windsbacher Knabenchor und Hilliard Ensemble. Deren Programme zeichneten den künstlerischen Weg des Musikers nach, der sich im Laufe seines Lebens mit diversen Zwängen konfrontiert sah: Die Kulturpolitik der UdSSR galt es ebenso zu überwinden wie die Dogmen der Avantgarde, bevor er seinen eigenen Stil entwickeln konnte.
Dabei begann Pärts Komponisten-Karriere mit einem ramponierten Klavier, erinnert er sich: „Es hatte nur die Hälfte der Hämmer und auch die gingen immer mehr kaputt. Und als es schon ganz schlimm war, da habe ich eben stumm gespielt und mir einen Klang vorgestellt, der wunderschön war. Das war vielleicht eine erste kompositorische Übung.“ Seine Musik wirkt tatsächlich eher im Stillen. Fast könnte man sagen, in seinen Werken habe er mehr nicht notiert als ausgeschrieben. „Es ist viel schwieriger, eine einzige passende Note zu finden, als eine Menge zu Papier zu bringen“, erinnert sich der Komponist an die Worte seines Lehrers Heino Eller während des Studiums zwischen 1954 und 1963 in Tallin. Von 1958 an arbeitete er gleichzeitig als Tonmeister beim estnischen Rundfunk und schrieb verschiedene Filmmusiken.
Wegmarken seines Schaffens waren der Neoklassizismus, die Zwölftonmusik und der Serialismus, das Frühwerk deutlich von der russischen Tradition eines Sergej Prokofjew oder Dmitri Schostakowitsch beeinflusst. Mitte der 1960er-Jahre konzentrierte sich Pärt auf serielle Gestaltungsformen und Materialcollagen, bevor er 1968 die Musik des Mittelalters für sich entdeckte und Komponisten wie Guillaume de Machault und Josquin Desprez studierte. Anfang der 1970er-Jahre trat er der russisch-orthodoxen Kirche bei.
Tönten die ersten großen Werke noch laut, ging der Komponist nach einer Sinnkrise neue Wege: „Ich entdeckte eine Welt, die ich nicht kannte: ohne Harmonie, ohne Metrum, ohne Klangfarbe, ohne Orchestrierung, ohne alles. In diesem Augenblick wurde mir klar, welche Richtung ich verfolgen musste.“ So kam es zur Entwicklung eines Stils, der für spätere Werke so charakteristisch wurde: „Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird. Dieser Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich. Ich arbeite mit wenig Material, mit einer Stimme, mit zwei Stimmen. Ich baue aus primitivem Stoff, aus einem Dreiklang, einer bestimmten Tonqualität. Die drei Klänge eines Dreiklangs wirken glockenähnlich. So habe ich es Tintinnabuli genannt.“
Pärts Œuvre ist reich und vielseitig: Es umfasst großangelegte Kompositionen für Chor und Orchester, vier Symphonien sowie Werke für Solisten und Orchester, zahlreiche Chorstücke und Kammermusik. Die meisten seiner Stücke basieren auf liturgischen Texten und Gebeten.
Beispielhaft klingt hier die Vertonung des Magnificat, die die Windsbacher auf ihrer 1999 veröffentlichten CD „Chormusik im 20. Jahrhundert“ singen: Die Musik kreist leise, unaufdringlich und neu in sowie um sich und entfaltet sich mit wenigen Gesten, um dann zu einem Ruhepunkt abzusinken. Dieser faszinierende Stil der Reduktion führt Aufführende wie Hörer zurück zum Wesentlichen, zum Kern der Musik. Oft sind es nur wenige Töne, Wiederholungen und kleinste Intervalle, in denen sich der Komponist ausdrückt. Dadurch erzielt er jedoch eine ungeahnt große Wirkung: Die Fragmentierung, der flächige Klang – Pärt schafft schwebende, oft im Ungewissen bleibende kaleidoskopartige Akkorde, die dennoch eine unfassbare Tiefe haben.
„Vielleicht kommt auch für den größten Künstler der Moment, in dem er nicht mehr Kunst machen will oder muss. Und vielleicht schätzen wir gerade dann sein Schaffen noch höher ein; weil es diesen Augenblick gegeben hat, in dem er über sein Werk hinausgelangt ist“, charakterisiert der 90-Jährige selbst sein Schaffen in der Retrospektive.

(Fotos von Eric Marinitsch und Priit Grepp)
Portrait
2024 neigt sich dem Ende entgegen und damit auch das Jahr, in dem eines der renommiertesten deutschen Barock-Ensembles sein 40-jähriges Bestehen feiert: die Lautten Compagney Berlin.
Wie für die Windsbacher ist auch die Vorweihnachtszeit für die Lautten Compagney Berlin eine mit vielen Terminen. Zumal beide Ensembles ja in diesem Jahr einen Weihnachtsliederabend zusammen im Programm haben. Damit setzen sie ihre erfolgreiche Zusammenarbeit aus dem vorigen Jahr fort, aus der auch die neue Weihnachts-CD „In dulci jubilo“ resultierte.
Anders als die Windsbacher tritt die Lautten Compagney in ihrem Jubiläumsjahr selbst am 31. Dezember in ihrer Heimatstadt Berlin im Theater im Delphi auf – dann mit dem Programm „New Vivaldi“. Es ist eines von mehreren Projekten, die die historische Aufführungspraxis barocker Klänge kraftvoll ins Hier und Heute ziehen, indem sie Alte Musik lustvoll mit der unserer Tage verbinden.
Jüngstes Beispiel ist da auch die im November bei DHM erschienene CD „Dancing Queen“, auf der die Lautten Compagney mit der Saxophonistin Asya Fetayeva französische Barockmusik von Rameau mit pfiffig arrangierten Klassikern der schwedischen Popgruppe Abba kombiniert. Dem Puristen sträuben sich hier vielleicht die Haare und er mag verächtlich „Kommerz!“ zischen – doch zum einen muss er sich das ja nicht anhören und außerdem wird auch andersherum ein Schuh draus: Mit derart „gewagten“ Projekten erreicht die Lautten Compagney womöglich auch Hörer, die mit den Klängen Alter Musik bislang kaum in Berührung gekommen sind, und schafft es, sie dafür zu begeistern.
40 Jahre Lautten Compagney sind eben auch 40 Jahre Lust am Experimentieren. Und aus diesem Impetus entstand das Ensemble ja überhaupt erst: Die Gründer Wolfgang Katschner und Hans-Werner Apel studierten in den 1980ern an der Ost-Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, doch in der DDR war die historisch informierte Aufführungspraxis noch nicht offiziell Kultur. Beide waren aber nicht taub für die Entwicklungen im Westen und da sie mit ihren klassischen Gitarren beim Studium alter Handschriften und Partituren von Byrd oder Dowland bald an klangliche Grenzen stießen, besorgten sie sich Lauten und Theorben – alles andere ist Geschichte.
Der Musikwissenschaftler (und Musiker!) Peter Uehling schreibt über das Ensemble, es suche keine abstrakten Wahrheiten über die Vergangenheit, sondern mache Musik für die Hörer von heute: „Dass die historisch informierte Aufführungspraxis immer nur Annäherungen erlaubt an das, was einmal war, ist für die einen Anlass zur Frustration und zur umso verbissener betriebenen akademischen Philologie. Der Lautten Compagney eröffnet diese Unsicherheit vor allem kreative Freiräume, und das nicht nur in konzeptioneller, sondern auch interpretatorischer Hinsicht. Es gibt einen ganz bestimmten Griff in den Klang, oft auch einen ganz eigenen Humor, der den Aufführungen und Aufnahmen dieses Ensembles einen unverwechselbaren Ton gibt. Wenn der Rhythmus so leichtfüßig wird, dass die Musik zu swingen beginnt, wirkt das Alte ganz nah.“
Und das kann man nicht nur bei „Rameau meets ABBA“ genießen, sondern auch auf der neuen Windsbacher CD mit Weihnachtsmusik. Bei „I dulci jubilo“ gibt es viel zu entdecken: Melodien aus dem 13. Jahrhundert, Motetten von Felix Mendelssohn Bartholdy, Max Reger und Johannes Brahms sowie Choralsätze von Michael Praetorius, Johann Schelle, Johann Eccard oder Johann Sebastian Bach, aber auch weihnachtliche Gesänge aus Böhmen, dem Baskenland, Kanada oder Argentinien. Das Besondere an dieser CD – und auch ein bewusstes Alleinstellungsmerkmal – ist die musikalische Verflechtung der einzelnen Tracks durch Vor- und Nachspiele, Begleitung und reine Instrumentalnummern. Zu hören sind Martin Ripper (Flöte), Monica Waisman (Violine), Annette Rheinfurth (Violine), Sabina Chukurova (Orgel), Andreas Nachtsheim (Laute) und Hannes Malkowski (Percussion) – allesamt Mitglieder der Lautten Compagney, deren Leiter Wolfgang Katschner (Laute) ebenfalls mit von der Partie ist.
Die Lautten Compagney hat bereits verschiedentlich mit Knabenchören zusammengearbeitet. Doch die Windsbacher haben hier besonders beeindruckt. Katschner schwärmt von der Klangqualität und dem „sehr tollen, besonderen Sound“ des Chores: „Die Windsbacher zeichnet aus, dass sie genau wissen, was sie singen: inhaltlich und stilistisch.“ Die Zusammenarbeit mit diesen Musikern verdanken die Hörer der langen Bekanntschaft und Zusammenarbeit zwischen Katschner und Böhme, damals noch Sänger des Calmus Ensemble.
Am Dirigenten schätzt er die Fähigkeit, den Klang zu formen, Musik und Inhalt in eine ausgewogene Balance zu bringen und gerade Texte aus- und damit eindrucksvoll zu interpretieren. „Hier begegnen sich zwei Ensembles und die Instrumentalisten mit ihren ganz eigenen Parts und Klangfarben – eine tolle Kombination und besonders schöne Zusammenarbeit. Auch die Vielfalt der aufgenommenen Lieder bildet einerseits eine thematische Breite ab, bezieht sich aber immer wieder auf die Botschaft von Weihnachten“, beschreibt Katschner den größeren inhaltlichen Horizont, der gerade durch die Windsbacher sehr authentisch abgebildet werde.
Ludwig Böhme sieht das Weihnachtsfest auf dieser CD in all seinen Facetten abgebildet: mit lauten, jubelnden Liedern genauso wie mit leisen, innigen Klängen. Traditionelle Klänge stehen dabei neben „exotischen“ aus anderen Ländern. An der Zusammenarbeit mit der lautten compagney reizt Böhme das trotz kleiner instrumentaler Besetzung äußerst farbenfrohe Musizieren: „Es ist ein sehr spannendes Wechselspiel zwischen traditionellen Sätzen und arrangierter instrumentaler Begleitung davor und dazwischen. Das alles ist abwechslungsreich und will die Hörer in die richtige, weihnachtliche Stimmung versetzen.“ Mit „In dulci jubilo“ wird dieser Wunsch auf jeden Fall erfüllt. Sicherlich ein schönes Geschenke zu Weihnachten, auf das man artig mit Track 8 der CD „Dancing Queen“ reagieren möchte: „Thank you for the music“ – und das seit 40 Jahren.
Portrait
Sie gehören zum Knabenchor wie Bach und Schütz: die „Windsbacher Psalmen“. Einer der Komponisten wäre am 2. September 75 Jahre alt geworden – der Windsbacher Knabenchor erinnert an Helmut Duffe.
Sie sind fester Bestandteil der Lorenzer Motette: die „Windsbacher Psalmen“ für mehrstimmigen Männerchor, wahlweise komponiert von Emanuel Vogt (1925-2007) oder Helmut Duffe (1948-2016). Letzterer wäre am 2. September 75 Jahre alt geworden. Beide haben in Windsbach klingende Spuren hinterlassen, die Psalmvertonungen der Windsbacher Kirchenmusiker sind schlicht in der Form, doch eindringlich in der Wirkung.
Helmut Duffe (1948-2016)
Helmut Duffe war selbst zehn Jahre Sänger des Windsbacher Knabenchors – damals noch unter Hans Thamm, der den Chor zwei Jahre vor Duffes Geburt gründete. Schon in seiner aktiven Zeit komponierte Duffe für seine Windsbacher kleinere Motetten, die in Konzerten aufgeführt und sogar auf Schallplatte aufgenommen wurden. Nach dem Studium der Kirchenmusik in Bayreuth wurde Duffe von Thamm als Chorassistent in Windsbach verpflichtet. Dem Chor war der Kantor Zeit seines Lebens tief verbunden – als Komponist, Orgel- und Klavierlehrer sowie Vermittler von Harmonielehre und Gehörbildung. In späteren Jahren trat Duffe im Dekanat Windsbach die Stelle des Bezirkskantors an.
Dass es gerade die Psalmen waren, die Duffe (und Vogt) zu ihren „Motetten en miniature“ inspirierten, kam nicht zufällig: Seit Martin Luther haben polyphone Psalmvertonungen in der Geschichte der deutschsprachigen Kirchenmusik ihren festen Platz, was dokumentiert, dass die ältesten Lieder der Christenheit bis heute nichts von ihrer Attraktivität verloren haben. In der Tradition dieser Vertonungen stehen auch die Windsbacher Psalmen.
Helmut Duffe schrieb seine ersten Männerpsalmen 1977 als „Hausmusik für den internen Gebrauch“: Sie erklangen in den Morgenandachten des Sängerinternats. Der damalige Studienheimpfarrer (und spätere Regionalbischof des Kirchenkreises Ansbach-Würzburg) Christian Schmidt hatte sich solche Vertonungen gewünscht und damit in Duffe offenbar eine besondere Saite zum Klingen gebracht. Mit seinem Kollegen Emanuel Vogt verband den Komponisten alsbald nicht nur eine Freundschaft, sondern auch ein „stiller Wettstreit“, den Prof. Dr. Friedhelm Brusniak als „musikgeschichtliches Phänomen“ bezeichnet hat. Der Musikpädagoge betonte, dass die Komponisten zu Recht überregionale Anerkennung gefunden hätten – auch dank des Windsbacher Knabenchors. Brusniak unterstrich dabei, dass es gerade die homophone Schlichtheit sei, die auch ohne allzu expressive Ausdeutung eine intensive Auslegung der Psalmworte bewirke: „Die Menschen, die sich nach Frieden und Harmonie sehnen, fühlen sich durch die Psalmen getröstet und schöpfen neue Zuversicht und Kraft.“
Genauso sieht dies auch der frühere Kantor Klaus Wedel. Auch er war früher (von 1963 bis 1969) Sänger des Windsbacher Knabenchors und dort „Stift“ von Helmut Duffe – also eine Knabenstimme, die unter der Obhut des Älteren stand. Auch nach der gemeinsamen Zeit in Windsbach blieb man in Kontakt und als Wedel im Ruhestand nach Oberfranken zog, erfuhr er, dass in Helmbrechts, der Stadt, in der Helmut Duffe aufwuchs, der Name des Komponisten fast vollkommen unbekannt war: „Nur die dritte Bürgermeisterin wusste zu erzählen, dass seine Mutter dort mal ein Fischgeschäft betrieb.
Wedel will das unbedingt ändern: „Man muss sich doch daran erinnern, dass einer von uns so großartige Musik geschrieben hat!“ Hierfür veranstaltet er aus Anlass von Duffes 75. Geburtstag am 23. September ein Gedenkkonzert. Um 17 Uhr sind in der Johanniskirche verschiedene Werke von Helmut Duffe zu hören: Neben ehemaligen Windsbachern, die natürlich Psalmvertonungen singen werden, wird Klaus Wedel mit seinem Blechbläserensemble „Brassers & Sisters“ Bläserstücke seines Freundes aufführen und Sybilla Duffe, die heute als Opernsängerin in München lebt, singt Lieder ihres Vaters; außerdem wird Wedels Bruder Wolfgang Orgel spielen. Der Eintritt zu diesem Konzert ist frei, die Kollekte ist für den Diakonieverein Helmbrechts bestimmt, der am Tag nach dem Konzert sein 125-jähriges Bestehen feiert.
In der Johanniskirche im oberfränkischen Helmbrechts findet am 23. September um 17 Uhr für Helmut Duffe ein Gedenkkonzert anlässlich seines 75. Geburtstags am 2. September 2023 statt. Verschiedene Interpreten werden Kompositionen des früheren Windsbacher Kirchenmusikers aufführen, darunter auch einige der „Windsbacher Psalmen“.
Portrait
Peter Pan ist der Junge, der nie erwachsen werden will. Die Geschichte von James M. Barrie steht in der Spielzeit 2022/23 am Mainzer Staatstheater als Oper auf dem Plan. Und die Rolle des Peter Pan singt mit Yosemeh Adjei ein ehemaliger Windsbacher.
Noch wenige Stunden bis zum Auftritt. Wir treffen Yosemeh Adjei im Restaurant „Zum Grünen Kakadu“. Der Countertenor singt in Mainz die Titelrolle in der Oper „Peter Pan“ von Richard Ayres. Das Libretto von Lavinia Greenlaw basiert auf der Erzählung des schottischen James Matthew Barrie (1860-1937).
Deren Inhalt ist rasch erzählt: Peter Pan wird als einziges aller Kinder nie erwachsen, sondern bleibt immer Junge. Er lebt auf Nimmerland und ist Anführer der „Lost Boys“, einer Gruppe von heimatlosen Waisen. Peter trifft auf seinen Reisen in London die Familie Darling und ihre Kinder Wendy, Michael und John. Gemeinsam mit ihm und der Elfe Tinkerbell reisen die Geschwister nach Nimmerland, wo sie verschiedene Abenteuer erleben. Die gipfeln im Kampf mit Piraten und Peter Pans Gegenspieler Captain Hook, der schließlich von einem Krokodil gefressen wird.
Uns gegenüber sitzt also der Pan-Darsteller Yosemeh. Und trinkt Tee. Er sang von 1983 bis 1990 im Windsbacher Knabenchor. Und zwar durchgehend im Alt-Register. Doch bevor er das Singen letztendlich zum Beruf machte, spielte er professionell Trompete. Das Instrument erlernte er ebenfalls in Windsbach: „Als wir das Weihnachtsoratorium von Bach gesungen haben, war für mich der Moment, in dem die Pauken und Trompeten dazukamen, immer schon magisch und faszinierend! Und eines Tages haben meine Freunde Christoph und Hartmut gemeinsam mit dem Schulorchester das Doppelkonzert für zwei Trompeten und Orchester von Vivaldi musiziert. Das war damals in der Windsbacher Stadthalle und ich stand hinten an der Eingangstür – das weiß ich noch, als ob es erst gestern passiert wäre: Die beiden haben so toll gespielt, das war ein so wunderbarer Klang, dieses Strahlen, diese Lebensfreude! Das hat mich gepackt und regelrecht infiziert! Anschließend wollte ich das unbedingt auch machen.“
Yosemeh studierte das Instrument in Karlsruhe und spielte danach lange im WDR-Rundfunkorchester Köln. Das Erlernen eines Instruments – in Windsbach ja neben dem Chorsingen ein „Pflichtfach“ – bezeichnet der Sänger übrigens als unglaubliche Bereicherung: „Der Gesang, die Stimme ist das natürlichste Instrument, das wir haben. Aber für die Auffassung rationaler Zusammenhänge in der Musik ist es immer gut, ein Instrument zu beherrschen, weil man da Verbindungen in der Musik herstellen kann, die sich durch den Gesang zunächst nicht unbedingt erschließen. Nehmen wir einfach mal das Klavier: Wenn wir singen, singen wir immer linear, nämlich Melodien; und daher denken wir auch entsprechend linear. Auf dem Klavier habe ich Akkorde, musiziere und denke daher also auch horizontal. Diese Akkorde ziehen sich in aller Regel durch Musik und haben immer eine Funktion, die die Melodie, also das Lineare elementar beeinflusst. Und für eine professionelle Berufsausübung im Musikbetrieb – und nichts anderes machen die Windsbacher ja – ist das Bewusstsein dieser Zusammenhänge enorm wichtig.“
Nach 14 Jahren im Orchester änderte Yosemeh sein Betätigungsfeld: „An einem gewissen Punkt musste ich feststellen, dass das, was ich an musikalischer Schule in Windsbach mitgekriegt habe, für mich als Orchestermusiker nicht in Gänze umsetzbar war; in mir war einfach viel mehr drin, als ich als Orchestermusiker hätte einbringen können.“ Er studierte Gesang und konzentrierte sich auf seine Solokarriere, die ihn bislang nicht nur auf die großen Bühnen der Welt, sondern 2017 auch zurück nach Windsbach brachte: Da nahm er mit seinem früheren Chor Motetten des Nürnberger Komponisten Johann Staden (1581-1634) auf. Yosemehs Repertoire reicht heute durch alle Epochen, was nicht zuletzt durch das Engagement am Mainzer Staatstheater dokumentiert wird: Die Musik des 1965 geborenen Opernkomponisten Richard Ayres klingt allerdings – diplomatisch ausgedrückt – ganz anders als die eines Johann Staden …
Gefragt nach seinen Erinnerungen an seine Zeit in Windsbach erzählt Yosemeh: „Windsbach war für mich enorm wichtig. Ich war ja erst vier Jahre in Deutschland und dieser Chor war für mich auch eine Art Ankommen in dieser Welt. Meine ersten sechs Lebensjahre hatte ich mit meiner Familie in Ghana verbracht und als ich dann nach Windsbach kam, empfing mich ein ganz anderes Umfeld: das Ländliche mit seinen Strukturen und den Menschen. Die Musik hat mich damit verbunden und mir das Gefühl gegeben, eine Sprache gefunden zu haben, mich auszudrücken und kommunizieren zu können. Und das hat mich für mein ganzes Leben geprägt.“
Waisen wie die „Lost Boys“ bei Peter Pan sind die Windsbacher ja zum Glück nicht, auch wenn sie im Sängerinternat und nicht bei den Eltern wohnen. Ihre Familie ist der Chor (und ihr Captain Hook vielleicht die Schule). „Ich kann mir jedenfalls keinen Ort vorstellen, an dem man als junger Mensch konstruktiver an Musik herangeführt werden kann als in Windsbach“, betont Yosemeh: „Über Jahre wird einem in jeder Probeminute vermittelt, was das Faszinierende an Musik sein kann, was ihren Kern ausmacht und was sie uns damit sagen will. Ich bin unglaublich dankbar dafür, denn hier liegt das Fundament meines Reichtums an Klangvorstellung, Auffassungsgabe und Interpretationsfähigkeit. Mit diesem Schatz an Erfahrung kann man unter Umständen auch ganz andere Dinge im Leben aus anderen Blickwinkeln sehen. Das schafft Zuversicht und innere Stärke.“
Viele Windsbacher tun sich schwer damit, wenn sie nach dem Abitur Chor und Sängerinternat verlassen müssen; manche hängen sozusagen noch mal ein Jahr dran und leisten ihren Freiwilligendienst in Windsbach. Haben sie somit irgendwie nicht alle etwas von Peter Pan, dem Jungen, der nicht erwachsen werden will? Gefragt, ob sich auch er in dieser Rolle wiedererkennt, sagt Yosemeh: „Ich finde in jeder meiner Rollen gewisse Parallelen zu meiner eigenen Persönlichkeit. Ob das jetzt der Elfenkönig Oberon im ‚Sommernachtstraum‘ oder der Feldherr Ezio in der gleichnamigen Oper von Händel oder eben auch Peter Pan ist. Manchmal spiegelt der Rollencharakter auch Facetten von mir wider, was ich bei authentischer Interpretation als ‚roten Faden‘ für mich nutzen kann. Bei Peter Pan erkenne ich sicher einiges, was meiner natürlich gelebten Persönlichkeit sehr nahe kommt: Er ist stets aktiv, mal präsent, mal im Hintergrund, aber immer in Bewegung. Er mag es nicht sonderlich, wenn Dinge anders laufen als von ihm gedacht. Und unter vielen Menschen fühlt er sich wohler als alleine, um nur ein paar Beispiele zu nennen.“
Yosemeh lebt heute in München; hier und in Leipzig unterrichtet er an den jeweiligen Hochschulen für Musik und Theater Barockgesang und -trompete. Wieder so ein Heimkommen. Und tut sich da nicht eine weitere Parallele zu Peter Pan auf? Der Musiker ist heute 49 Jahre alt. Und doch hat er sich seine Lieben aus der Kindheit, das Singen und das Trompetenspiel erhalten. Und so, wie er davon erzählt, hört man noch immer die Begeisterung des Windsbacher Sängerknaben heraus: „Wenn ich singe, dann fühle ich mich aufgehoben in der Gemeinschaft“, fasst er das erhebende Gefühl in Worte, das ihn auch heute befällt – beispielsweise im Balthasar-Neumann-Chor, wo er schon mal auf den einen oder anderen früheren Windsbacher trifft.
Dieses Gefühl gibt er auch gerne weiter: „In der damaligen Situation der Migrationskrise im Herbst 2015 hat mich eine engagierte Museumspädagogin angesprochen, ob ich mich mit einem Projekt für Geflüchtete beteiligen wollen würde“, erzählt Yosemeh. Da das Singen nahelag, schlug er einen Chor vor. „Die allermeisten Teilnehmenden – es waren wirklich Menschen, Frauen und Männer, aus vielen verschiedenen Ländern! – hatten bis dato natürlich noch keinen Kontakt zu ihrer Gesangsstimme oder Musik wie ‚Am Brunnen vor dem Tore‘ oder an Weihnachten ‚Jingle Bells‘. Das Schöne dabei war zu beobachten, mit welch großer Freude und Engagement sich die Teilnehmenden in diese Gruppe eingefügt haben.“ Sowohl diese Kontakte als auch Auftritte in der „Langen Nacht der Museen“ oder bei verschiedenen Sommerfesten der Unterkünfte hätten den Teilnehmenden sehr viel bedeutet und eine willkommene Abwechslung in deren aktuelle Lebenssituationen gebracht. „Nicht zuletzt denke ich, dass mein eigener Migrationshintergrund einen stabilen Brückenschlag ermöglichte, um sich in diesem Raum mit viel Vertrauen zu begegnen. Für mich war am interessantesten zu beobachten, wie das gemeinsame Musizieren so einfach und unkompliziert Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen zusammenbringen kann, wenn alle Beteiligten sich darauf einlassen.“
Apropos Offenheit und Einlassen: In der Inszenierung von „Peter Pan“ am Mainzer Staatstheater hatte Yosemeh mit der Schauspielerin Adriane Große eine besondere Partnerin, denn die Darstellerin der Elfe Tinkerbell ist gehörlos. Da Richard Ayres seine Oper so schrieb, dass Tinkerbell nicht singt, hatte Regisseurin Nina Kühner die Idee, diese Rolle mit einer Gehörlosen zu besetzen, die mit allen in Gebärdensprache kommuniziert. So lernten die Figuren voneinander, sich zu verstehen, auch wenn nicht alle die gleiche Sprache sprechen – in Nimmerland eben kein Problem. Auch Yosemeh empfand diese Zusammenarbeit als große Bereicherung: „Der Umgang mit Adriane war von Beginn an im ganzen Produktionsteam von Empathie und Respekt geprägt, so dass sie die Möglichkeit hatte, sich in ihrer Rolle zu finden und auszuleben wie alle anderen auch.“ Besonders spannend fand der Sänger, dass er die Gehörlosigkeit seiner Kollegin irgendwann gar nicht mehr als Einschränkung in der Arbeit und gemeinsamen Kommunikation wahrnahm: „Ich habe so viel von ihr lernen können und bin für diese Erfahrung so dankbar. Die Begegnung mit dem Unbekannten, das unter Umständen zunächst als Unsicherheit empfunden wird, kann mit offenen Armen und offenem Herz zu einem Teil von einem selbst werden. Und daher freue ich mich sehr darüber, wenn, wie in unserem Fall, Inklusion in der Theater- und Opernwelt immer mehr Räume findet. Davon können alle nur profitieren!“
Der Tee im „Grünen Kakadu“ ist ausgetrunken und für Yosemeh wird es Zeit: Die Maske für die abendliche Vorstellung ruft und er muss sich ja auch noch einsingen. Nur wenig später steht der frühere Windsbacher als Peter Pan auf der Bühne des Kleinen Hauses im Mainzer Staatstheater und schlägt mit den anderen Mimen sowie dem von Hermann Bäumer dirigierten Philharmonischen Staatsorchester das Publikum in seinen Bann – und dass nicht nur als Sänger: auch als Schauspieler und sogar als Artist: Denn Peter Pan „fliegt“ an Gurten und Seilen („Flugwerk“ nennt sich das in der Fachsprache) befestigt über die Bühne – und das singend! Am Schluss steht Yosemeh mit allen anderen und genießt den begeisterten Applaus – wie früher in Windsbach …
In der Sendung Aktuell Rheinland Pfalz berichtete der SWR über diese Produktion und interviewte dafür auch Yosemeh Adjei. Der Beitrag ist bis zum 16. Dezember 2024 zu sehen und startet ab Minute 17:15.
Fotos: Staatstheater Mainz/Andreas Etter
Portrait
Die Musikwelt gedenkt am 6. November des 350. Todestags von Heinrich Schütz. Seine Musik nimmt seit jeher einen großen Stellenwert im Repertoire der Windsbacher ein.
Wer schon einmal eine Motette von Heinrich Schütz gehört oder gar gesungen hat, wird sich sicherlich gerne an dieses Klangerlebnis erinnern: dieses Schwelgen in der Polyphonie, die Klarheit des Satzes, die Führung der einzelnen Stimmen. Am 6. November 2022 gedenkt die Musikwelt des 350. Todestags dieses Großen und Wegweisenden in der deutschen Musik.
Geboren wird Heinrich Schütz am 9. Oktober 1585 in Köstritz als zweites von acht Kindern der Eheleute Christoph und Euphrosyne Schütz, die seinerzeit dort einen Gasthof führen. Später erwirbt der Vater in Weißenfels ein Wirtshaus. Geachtet und zum Bürgermeister gewählt ermöglicht er seiner Familie einen gewissen Wohlstand. Der junge Heinrich singt als Knabe im Chor und fällt 1598 Landgraf Moritz von Hessen-Kassel auf, der im Hof der Familie Quartier bezogen hat. Beeindruckt von der Stimme des Knaben lädt der ihn ins Internat „Collegium Mauritianum“ nach Kassel ein, wo Schütz ab 1599 in die Grundlagen der Musik eingeführt und auch in Sprachen, Theologie, Mathematik und den Naturwissenschaften unterrichtet wird.
Derart bestens ausgebildet stellt sich schließlich die Frage nach der Berufswahl. Weil es für Musiker damals nur zwei Anstellungsmöglichkeiten gibt – am Hof oder in der Kirche –, lässt sich Schütz von den Eltern überzeugen, zunächst eine Alternative zu suchen und studiert ab 1608 (wie nach ihm Georg Philipp Telemann und dessen Patensohn Carl Philipp Emanuel Bach, Georg Friedrich Händel oder Robert Schumann) in Marburg die Jurisprudenz.
Da der Landgraf Schütz jedoch als Musiker behalten möchte, ermöglicht er ihm 1609 ein Studium bei Giovanni Gabrieli in Venedig, dem damals einflussreichsten Musiker und Organist am Markusdom. Hier erlernt der Sachse die seinerzeit modernen Kompositionstechniken, vor allem die der Cori spezzati: den mehrchörigen Satz. Am Schluss seiner Lehrzeit veröffentlicht Schütz sein erstes Werk, die „Primo libro di madrigali“, das erste Buch der Madrigale.
1612 kehrt Schütz an den Hof seines Gönners nach Kassel zurück und tritt dort in die Hofkapelle ein, arbeitet als Privatsekretär und „Prinzenerzieher“. Ein Jahr später wird er zweiter Hoforganist und besucht mit seinem Fürsten den Dresdner Hof, wo der sächsische Kurfürst das Talent des jungen Musikers erkennt. Es kommt zu ersten Verpflichtungen vor Ort und 1614 schließlich zur Abwerbung, was zu diplomatischen Spannungen zwischen beiden Regenten führt. Johann Georg I. gewinnt und Schütz übernimmt 1617 die Leitung der kurfürstlichen Kapelle in Dresden. Diese Stelle wird er bis zu seinem Tod am 6. November 1672 bekleiden. Sie ist eine der wichtigsten Positionen des Musiklebens seiner Zeit: Hier verantwortet Schütz nicht nur die Hofmusik, sondern auch die Ausbildung der Chorknaben in Gesang, musikalischer Theorie und Orchesterspiel. Zudem komponiert er, darunter die 1619 veröffentlichten „Psalmen Davids“.
Auch in den Zeiten des 30-jährigen Kriegs ist Schütz als Musiker gefragt: zum Beispiel 1618, als er gemeinsam mit Samuel Scheidt und Michael Praetorius die Magdeburger Dommusik neu aufstellt; zudem nimmt er 1619 mit diesen Kollegen und Johann Staden die Orgel in Bayreuth ab (die zwei Jahre später unglücklicherweise beim Brand der Stadt zerstört werden wird). 1625 vollendet Schütz seine „Cantiones Sacrae“, 1628 den „Becker Psalter“, 1629 erscheint der erste Teil der „Symphonia Sacrae“. Reisen nach Italien (1628) und Dänemark, wo er zwischen 1633 und 1635 am Kopenhagener Hof als Kapellmeister wirkt, nehmen den Komponisten buchstäblich aus der Schusslinie. Hier entstehen die „Musicalischen Exequien“. Zurück in Dresden veröffentlicht Schütz 1636 und 1639 seine „Kleinen geistlichen Konzerte“. Der Krieg zwingt ihn erneut nach Dänemark, wo er den zweiten Teil der 1647 erschienenen „Symphonia Sacrae“ vollendet (Teil III folgt 1650), ein Jahr später wird seine „Geistliche Chormusik“ gedruckt. In den Folgejahren entstehen weitere geistliche Gesänge, Passionsvertonungen und die Weihnachtshistorie.
Das Leben und Schaffen von Heinrich Schütz ist nicht nur von der Katastrophe des 30-jährigen Kriegs geprägt, von jener „Ansammlung von Massenmorden, Seuchen, Zerstörung, Hungersnot und Ausbeutung“, wie es der Musiker und Schütz-Interpret Benoît Haller beschreibt: Immer wieder suchen Todesfälle die Familie des Komponisten heim. Seine Musik dokumentiert jedoch eine beeindruckende Festigkeit im Glauben. Stets versucht Schütz, sich für Friede und Dialog zwischen den Menschen einzusetzen: „Er war Vermittler zwischen der deutschen und der italienischen Kultur, zwischen dem alten und dem neuen Stil, zwischen Humanismus und Aufklärung, zwischen Renaissance und Barock, ohne dass man ihn mit Bestimmtheit in eine dieser Kategorien einordnen kann.“
Oder, wie Michael Heinemann es am Schluss seiner Schütz-Biografie formuliert: „Er war vielleicht der einzige deutsche Komponist seiner Zeit mit internationaler Reputation, dem die Traditionen protestantischen Komponierens ebenso vertraut waren wie die neue, theatralische Musik Italiens. In der Verbindung konventioneller und moderner Techniken des Tonsatzes gelang es ihm, eine individuelle Musiksprache zu formulieren, deren besondere Dimension noch immer zu entdecken ist.“
Hierfür empfehlen sich unter anderem zwei (hörenswerte wie erschwingliche) Gesamteinspielungen der Musik Schütz‘: die 2009 begonnene und mittlerweile mit 28 CDs fertiggestellte Carus-Edition unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann sowie die 2012 auf 19 CDs veröffentlichte Box mit der von Matteo Messori dirigierten Cappella Augustana. Als Spiritus Rector der Carus-Produktion hat Rademann 2019 in einem Interview Einblicke in seine aus der Beschäftigung mit dieser Musik gewonnenen Erkenntnisse gewährt: „Zum einen ist für mich der Aspekt der musikalischen Lesung sehr in den Vordergrund gerückt. Schütz agiert ja immer als Ausleuchter des Wortes – wie jemand, der einem eine Laterne über den Text hält. Er verharrt bei Stellen, die ihm persönlich wichtig sind, lange über dem Text und hat häufig Wiederholungen komponiert. Wenn man sich mit Schütz befasst und seine Musik kennt, dann lernt man, mit den Ohren zu sehen.“
Gefragt nach der besonderen Tonsprache des Komponisten, von dem nur Vokalwerke bekannt sind, geht Rademann gerne ins Detail, ist es doch vor allem der musikalische Umgang mit der Sprache, die nicht nur den Dirigenten fasziniert: „Ein Bild ist ja eine visuelle Sinneserfahrung. Wenn Schütz aber nun bestimmte Worte vertont, dann entsteht ein musikalisches Bild. Zum Beispiel der Splitter, den man im Auge seines Nächsten sieht [Anm. d. Red.: SWV 409]: Das sind maximal eine Achtel- und zwei Sechzehntelnoten – der Balken, den man im eigenen Auge nicht bemerkt, erklingt als großer, langer Aufstieg über eine Oktave und wird dann als Ton über drei Takte lang gehalten. Soll der große Balken also den Blick auf den kleinen Splitter verdecken, so dass der Hörer buchstäblich ein Brett vor dem Kopf hat? Tatsächlich ‚sieht‘ man den Splitter nicht mehr. Oder nehmen Sie die Motette ‚Ich bin ein rechter Weinstock‘ [SWV 389]: Hier zaubert Schütz an einer Stelle tatsächlich ein Weinberg-Plateau in die Partitur hinein. Das kann man sogar optisch nachvollziehen, denn wenn man die auskomponierten Girlanden hört und die Partitur um 90 Grad dreht, sieht man Trauben hängen! Ich kann mich oft kaum retten vor den vielen Eindrücken, die diese Musik uns schenkt. Wer Schütz hört, begreift, was Musik ist, ihre Bedeutung und Aussage.“
Eine „Kurtze Beschreibung des Herrn Heinrich Schützens […] geführten mühseeligen Lebens-Lauff“ kann man auf der Homepage des Heinrich-Schütz-Hauses im Wortlaut nachlesen.
Portrait
Windsbacher sind es gewohnt, musikalisch und künstlerisch Höchstleitungen zu bringen – egal ob in der Hamburger Elbphilharmonie oder in einer kleinen Dorfkirche. Zu Recht wird das Arbeiten im Chor mit dem Hochleistungssport verglichen.
Niklas Hofmann ist Leichtathlet und Mitglied im Kader des Bayerischen Leichtathletik-Verbandes. Hier träumt man von Olympia. Dieses Fernziel faszinierte auch Niklas: der Show-Act, die Aufmerksamkeit des Publikums, ein Messen auf Profiniveau. Das würde er auch gerne mal machen – und genoss genau das doch schon lange: als Sopran des Windsbacher Knabenchores.
Doch irgendwann muss man hier stimmbruchbedingt pausieren – der eine kürzer, der andere länger. 14 Monate waren es bei Niklas Hofmann, die er jedoch gut nutzte: Seine Familie ist äußerst sportlich, alle sind Mitglieder im TSV 1860 Ansbach. Auch Niklas, dessen Bruder Alexander bereits als Tagesheimschüler im Chor sang, fuhr an den nun freien Wochenenden nach Hause in Sachsen bei Ansbach, um seine sportliche Ader sowie sein Talent zu entdecken – „hartes Training“ war er ja gewohnt. Mittlerweile hat er mehrere Titel gewonnen, war 2. Bayernmeister im Hochsprung und 1. im Hürdenlauf, wo er auch als 3. Süddeutscher Meister Erfolge feierte.
Derzeit ruht der Sport ein wenig, denn der Knabenchor ist für den 17-Jährigen, der mittlerweile im Bassregister singt, nach eigener Aussage aktuell wichtiger. Von Lehrgängen und Trainingsphasen des Kaders in Oberhaching ist er chorbedingt befreit, Sport wird jetzt vor allem in den Ferien getrieben: „Da ist es am wichtigsten, am Ball zu bleiben: Je weiter Du ins Profilager aufrückst, umso mehr Disziplin brauchst Du, da reicht Talent nicht mehr“, weiß Niklas.
Doch auch das kennt er ja aus Windsbach. Hier ist es die Musik und vor allem das gemeinsame Singen, das Niklas begeistert: Anders als beispielsweise im Hürdenlauf, wo ein einzelner siegt, geht das im Chor nur zusammen. Und diesen Mannschaftsgeist genießt der junge Spitzensportler nun bei Bach, Brahms und Bruckner. Vor allem jetzt, als Männerstimme: „Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft.“ Und die fuhr in der Vergangenheit durchaus auch mal im Bus zu einem von Niklas‘ Wettkämpfen, um ihn anzufeuern.
Bei ihm spiegelt sich das eine im anderen: Der unbedingte Wille, zu den Besten zu gehören und das Glücksgefühl, wenn er als erster durchs Ziel geht oder die Messlatte nicht gerissen hat. Lampenfieber und Nervosität vor einem Wettkampf kennt Niklas weder als Leichtathlet noch als Sänger, Durchhaltevermögen und die Disziplin braucht es hier wie dort. In Windsbach ist Martin Lehmann sein Trainer und sagt ihm, wo es langgeht: Unterordnen, das ist auch so etwas, was im Sport ebenfalls unabdingbar ist. Als Männerstimme ist Niklas jetzt eine Autorität für die jüngeren Sänger – er weiß um die Verantwortung, auch hierauf hat er im Chor trainiert.
Wo es für ihn selbst mal hingehen soll, weiß der fitte Sänger noch nicht so genau. In Windsbach macht er 2021 sein Abitur. Dem Sport will er danach aber auf jeden Fall treu bleiben. Und mit dem, was man ihm in Verein und Knabenchor beibringt, hat er es auf jeden Fall in der Hand, einmal hohe und weite Sprünge zu machen – und so gut wie alle Hürden zu meistern.
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